Ein einfacher Gegenvorschlag

Mit einer gewissen Verwunderung, aber eher gedämpften Erstaunen konnte ich vor kurzem einige Thesen zum Zustand der sogenannten „Radikalen Linken“ in Mecklenburg-Vorpommern vernehmen, die sowohl auf dem Blog „Kritische Provinz“ (kurz: KP) als auch in dem Zine „Keep Dancing“ #2.72 erschienen sind und die einen vermeintlich kritischen Blick auf den Zustand der „linken Bewegung“ im nordöstlichsten Bundesland werfen. Dort werden wieder einmal Tabus gebrochen, die keine sind und in diesem Punkt haben die Schreiber_innen mit den von ihnen verfluchten Linken weniger gemeinsam, dafür umso mehr mit selbsternannten Retter_innen des Abendlandes, auch bekannt als (Neo-)Konsevative.

Mensch wird ja noch einmal sagen dürfen…“

Quasi unter diesem Motto wird mit der „Anitfa-Szene“ in MV abgerechnet, es wird geradezu ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. „Sechs, setzen. Thema verfehlt.“ lautet der Tenor der immerhin 11 Thesen. Dabei fängt es recht unspektakulär an, so heißt es in der ersten These „Ein Großteil dessen, was sich in dieser Region als radikale Linke versteht, wäre als „Antifa“ zu bezeichnen und würde sich wohl auch selbst so nennen.“ Wohl wahr, aber das ist auch keine These, sondern eine bloße Zustandsbeschreibung, das ist weder kontrovers, noch erkenntnisreich. Spannender sind vielmehr die Schlussfolgerungen aus dieser Ausgangsfeststellung.

Es folgen mehr oder minder beobachtbare Beschreibungen der „Antifa-Szene“ in Rostock und MV, alles eher langweilig, wenig zugespitzt oder auch nur irgendwie pointiert. Ja, die Antifa-Szene beschäftigt sich primär mir Nazis, ja, die Antifa-Szene ist männlich dominiert usw. usf. . Bisher keine neuen Erkenntnisse im Allgemeinen, bestenfalls ausgeführte Trivialitäten, die aber allen, auch bloß periphären Beobachter_innen, innerhalb von Minuten bei einem Besuch der klassischen Szene-Locations ins Auge springen würden. Warum also dazu ein langer Text verfasst worden ist, erschließt sich mir an dieser Stelle nicht ganz.

Gute Hauer, aber nicht so schlau?

Erst ab der achten These wird es interessanter. „Es ist nicht von ungefähr, dass die Praxis der Antifas fast ausschließlich auf Anti-Nazi-Aktivitäten beschränkt bleibt, sondern ergibt sich aus deren theoretischen Unfundiertheit.“ heißt es, außerdem wird festgestellt „Allerdings beweist die Szene des Landes damit erneut, dass sie nicht in der Lage ist, ihre Aktivitäten mit einer umfassenden Gesellschafts- und Systemkritik zu begründen […]Nun, das zweite Zitat stammt aus dem Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahre 2011, könnte aber genauso gut auch Teil der achten These von „Kritische Provinz“ sein. Wer sich in seiner Analyse den staatlichen Repressionsbehörden so sehr annähert, darf sich nicht wundern, wenn auch zurückgepöbelt wird.

Und hier stellt sich die Frage, woher diese Thesen überhaupt kommen. Eine „theoretische Unfundiertheit“ lässt sich immer leicht behaupten, schließlich ist theoretische Arbeit auch diejenige, die am unsichtbarsten bleibt, während Demos, Outings oder militante Aktionen schnell landesweit bekannt sind. Unglücklicherweise gibt es keinen massiven Output theoretisch-kritischer Schriften oder Magazine aus der Szene in MV – so wie etwa in Berlin – aber das allein beweist noch keinen Theoriemangel. Auch wenn es wahr sein sollte, dass es theoretische Mängel innerhalb der Szene geben sollte, so müsste die Begründung doch anders formuliert sein. Vielleicht wäre es eher daran festzustellen, dass kaum oder keine inhaltlichen Diskussionen geführt werden, zumindest nicht sichtbar, oder, dass Diskussionen über Szenethemen (wie etwa aktuell „Critical Whiteness“) nur mit einer peinlichen Flachheit oder gar nicht behandelt werden. Ein solcher Vorwurf wäre durchaus diskutabel, findet sich aber nicht in den Thesen von KP.

Staat und Antifa – Hand in Hand?

Zuletzt kommt KP zu einem weiteren Knackpunkt: Antifa als Mitarbeit am „besseren Deutschland“ als Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft. Laut der zehnten These „sind Neonazis wohl endgültig in die gesellschaftliche Marginalität abgerutscht.“ Das mag für die meisten neonazistischen Organisationen und Personen im Großteil des Bundesgebietes zutreffen, aber gerade in Mecklenburg-Vorpommern leider nicht. Dort wird in vielen Gegenden die NPD als „normale“ Partei behandelt und Neonazis gehören zum Alltag dazu und mit Blick nach Wolgast oder Güstrow scheint der rassistische, deutsche Mob, aus dem sich die Nazis rekrutieren, auch nicht weit zu sein. Und die Debatten um Integration, Minarettverbot in der Schweiz oder Sarrazins Thesen zeigen, dass im postfaschistischen Deutschland Rassismus immernoch mehrheitsfähig ist, bisher aber durch die großen Parteien, meist die CDU, aufgefangen wird.

Antifas, die sich an die Seite eines genau solchen bürgerlichen Antifaschismus stellen, […], machen sich selbst zum aktiven Teil dieser bürgerlichen Gesellschaft, die den Nationalsozialismus erst gebar.“ Antifa als staatstragende Aufgabe, das wäre mal eine prägnante und spannende These gewesen, doch leider verliert sich der Vorwurf im viel zu langen Abschnitt über Unzumutbarkeiten im postfaschistischen Deutschland. Denn Nazis sind die Feind_innen des Staates und sie zu bekämpfen, hilft dem Staat zweifellos. Antifas, die nicht über ihre Arbeit gegen Nazis hinausgehen, machen sich zum militanten Arm der FDGO, die dann deswegen verfolgt werden, weil sie über die Stränge schlagen und nicht vom Staat zur Gewaltanwendung legitimiert sind.

Antifaschismus darf immer nur ein Teil einer emanzipatorischen Weltanschauung sein. Wer den Staat nicht ebenso wie die Nazis bekämpft, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, „staatstragend“ zu sein. Denn der Staat führt teilweise das aus, was sich die Nazis wünschen: Abschiebungen, Asylunterkünfte, die den Namen kaum verdienen und nicht zu Unrecht als „Abschiebelager“ bezeichnet werden; eine nationalistische Wirtschaftspolitik in der Eurozone, die wirtschaftlich schwächere Staaten in den Ruin treibt, um später dieselben Staaten als „faul“ zu beschimpfen; auch die Abschaffung des Asylrechts 1993; die Außengrenzen der EU, die jetzt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. (Eine Farce.)

Links und Radikal?

All diese Thesen finden sich schließlich aufgelöst und schlussgefolgert in der letzten, zentralen und elften These wieder: „Eine radikale Linke gibt es weder in Rostock noch in Mecklenburg-Vorpommern.“ Leider wird nicht definiert, was eine „radikale Linke“ denn überhaupt ist, was sie ausmacht und wie sie zu erkennen ist. Ohne festgelegte Kriterien ist kaum nachzuvollziehen, worauf die Kritische Provinz hier hinaus will. Meine bescheidene Meinung dazu wäre nur, dass sich in MV die sogenannte „radikale Linke“ eben auf eine bestimmte Art und Weise organisiert und zutage tritt: Als Antifa-Szene.

Aber auch allgemein setzt sich KP hier in die Nesseln. Denn der Sprech von der „radikalen Linken“ ist selbst der Teil der Mythoserzählung, die dieselbe „radikale Linke“ erst konstruiert. Denn mensch wird nicht durch eine inhaltliche Positionierung „radikal links“, sondern durch die einfache Postulierung als genau das. Daher kommt es auch, dass ZK („Zusammen Kämpfen“) oder „TOP Berlin“ als „linksradikal“ bezeichnet werden und Konflikte zwischen „Antideutschen“ und „Antiimps“ als „szeneintern“ bezeichnet werden, weil sich irgendwelche Leute dort Gemeinsamkeiten imaginieren, wo keine sind. Statt sich über Inhalte zu definieren, wird sich über Labels definiert: „Links“ ist, wer es von sich behauptet.

Dabei sind diese Label genauso hohl und inhaltsleer wie so manche Positionspapiere, die zu sogenannten „innerlinken“ Konflikten verfasst werden. Mensch habe doch „dasselbe Ziel“ und nur in „einigen, kleinen Punkten“ Meinungsverschiedenheiten. Nur eine Überwindung und Dekonstruktion dieser Label würde die „Szene“ mal inhaltlich voran bringen und dafür sorgen, dass endlich Klarheit herrschen würde und mensch nicht mehr der Illusion nachlaufen würde, alle würden irgendwie dasselbe wollen und dasselbe meinen. Dies würde sicherlich zu einer massiven Spaltung führen, aber danach würden hoffentlich diejenigen zusammenarbeiten, die sich vorher über ihre inhaltlichen Gemeinsamkeiten unterhalten haben – und nicht einfach diejenigen, die dieselben Logos und Parolen nutzen. Aber ich vermute, Labels zählen leider immernoch mehr als Inhalte, von daher wird die elfte These auch ihre Wirkung nicht verfehlen, denn sie greift nur ein Label an, was viele nutzen, nicht aber Inhalte, die dahinter stehen könnten. Und das ist wirklich ein trauriger Zustand einer vermeintlich politischen Szene – und nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern.

6 Antworten zu “Ein einfacher Gegenvorschlag

  1. „Schreiber_innen mit den von ihnen verfluchten Linken weniger gemeinsam, dafür umso mehr mit selbsternannten Retter_innen des Abendlandes, auch bekannt als (Neo-)Konsevative.“
    och bitte …

  2. ’schön und nett‘ geschrieben. aber ist kp, ktd,… überhaupt irgendwie (für irgendwen) von bedeutung?

  3. @Johan aka RostockBoulevard
    Ach, danke. Aber der vermeintliche Bruch tatsächlich nicht-existierender Tabus gehört eigentlich ins Repertoire der Neo-Konservativen.

    @a@b.cc
    Jain, KP ist marginalisiert, erreicht aber innerhalb der Rostocker Szene durchaus eine gewisse Öffentlichkeit. Daher wollte ich deren Thesen nicht unwidersprochen stehenlassen.
    Die Kontroverse um die aktuelle Ausgabe der „Keep Dancing“ würde meine Beobachtung stützen.

  4. „@Johan aka RostockBoulevard
    Ach, danke. Aber der vermeintliche Bruch tatsächlich nicht-existierender Tabus gehört eigentlich ins Repertoire der Neo-Konservativen.“
    hä?
    Als ob „die Linke“ sich nie als den „Tabubrecher“ inzinieren würde. Gerade die Verschwöhrungsecke unter den Linken und die gegen „die da Oben – Linken“ tun dies doch hin und wieder gerne.

    Z.B.: die Hardcore-Band : Born from Pain (nur als beispiel).
    Ich find die These etwas steil

  5. danke. guter text. echt nicht dumm.

  6. ist dieser blog nur für den einen text oder gehts hier noch weiter?

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