Aufruf zum Generalstreik!

Nachdem schon Parallaxe und die Spielwiese über den europäischen Generalstreik schreiben, kann ich selbstverständlich nicht still bleiben und so kommt auch von meiner Seite die Solidaritätsbekundung mit den Streikenden in Südeuropa, die ruhig mehr und öfter solche Aktionen durchführen könnten, aber am 16.11. geht es ja weiter. Generalstreiks begrüße ich grundsätzlich, da diese tatsächlich meist einen Bruch des kapitalistischen Alltagsvollszugs bedeuten – und sowas kann ja kaum schlecht sein.

Ein Generalstreik ist inzwischen die letzte Form des (politischen) Streiks geworden, der für die Mehrheit der Bürger_innen überhaupt wahrnehmbar ist. Andere Streiks führen maximal zu Verzögerungen im Eisenbahnverkehr oder zu Streikposten vor der Tageszeitung, während drinnen Streikbrecher_innen die Arbeit gleich doppelt erledigen dürfen. Auf den Alltag der meisten Menschen hat dies wenig bis gar keinen Einfluss – eine Alternative dazu ist also notwendig.

Europa spart sich kaputt!

Die Empörung über die Austeritätspolitk, die in den südeuropäischen Staat auf Druck der Troika durchgesetzt wird, ist nachvollziehbar, sie ist aber auch vernünftig. Durch die massive Ausgabenkürzung werden zwar Posten in den Staatshaushalten reduziert, aber die langfristigen ökonomischen Folgen werden wohl kaum positiv ausfallen. Auch die Veräußerung von Staatseigentum funktioniert nur einmal. Von dem Verlust der lokalen Kaufkraft aufgrund gestiegener Arbeitslosigkeit will ich gar nicht erst anfangen.

Die arrogante Haltung, die besonders die bundesdeutsche Politik dazu vertritt, ist verachtenswert, hat doch der Exportüberschuss der Bundesrepublik einen Anteil an der Verschuldung der europäischen Südstaaten. Anstatt sich also die eigene Verantwortung einzugestehen, wird nicht nur auf Kosten der importierenden Länder weitergemacht, es wird auch noch rassistisch gehetzt. Nationalismus (auch auf ökonomischer Ebene) steht hier einer erfolgreichen Einigung Europas im Wege.

Bauchlinke Revolutionsromantik

Aber der Generalstreik, so schön er auch ist und so (un)schöne Bilder er auch produzieren wird, kann nicht die Antwort auf die Frage nach einem „ganz Anderen“ sein. Einerseits beschränken sich die Forderungen der meisten Streikenden tatsächlich auf die Wünsche nach einer anderen Politik, die es aber systembedingt nicht geben kann. Die Krise, die erlebt wird, ist keine Folge einer schlechten Politik oder Wirtschaft, sondern systemimmanenter Bestandteil des Kapitalismus – und genau den gilt es zu überwinden.

Dabei ist es nicht hilfreich, in einem jahrhunderte-alten Reflex, jede Massendemostration als Vorbotin der Revolution abzufeiern. In postmodernen Zeiten sind Massenrevolutionen äußerst unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich. Aber die Unterbrechung des kapitalistischen Vollzugs, wenn auch nur für einen Tag, könnte den Raum geben, um sich Perspektiven zu erdenken, wie dieses System, was auf der systematischen Ausbeutung von menschlicher Arbeit beruht, ersetzt werden könnte.
Es müssen nichtmal sofort Ergebnisse folgen, es würde reichen, einfach mal über den Horizont hinaus zu denken.

8 Antworten zu “Aufruf zum Generalstreik!

  1. „In postmodernen Zeiten sind Massenrevolutionen äußerst unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich.“

    Und wie, woher oder von wem hast du das abgeleitet? Ich würde dringend dagegenhalten und einwerfen: Eine Beschäftigung mit dem Wesen der bisherigen Revolutionen ergibt, dass sie immer unwahrscheinlich sind! Diese Zwangsläufigkeit mit der das Kommen einiger vergangener Revolutionen beschrieben wurde, hat sich bisher immer erst im nachinein durch die zurückschauende Geschichtsbetrachtung ergeben. Tatsächlich ist es meistens noch nicht mal einfach eine Revolution zu erkennen, wenn sie bereits im Gange ist.
    Beispiele gibt es zur Genüge, ob 1917 oder 1989.

    Zur Verdeutlichung zitiere ich hier mal aus dem Artikel von Adamczak und König aus der Phase 2 Nr. 42:

    „Keine der Revolten war vorhersagbar, zumindest gab niemand im Nachhinein damit an, sie vorhergesagt zu haben. Aber Revolutionen stellen nicht nur die Frage ihrer Vorhersehbarkeit, sondern auch die ihrer Erkennbarkeit, wenn sie bereits einzutreten begonnen haben. Die Unschlüssigkeit vieler Beobachterinnen, ob es sich bei den vor ihren fersehschauenden Augen ablaufenden Prozessen tatsächlich um Revolutionen handelt, ist nicht ohne historische Vorbilder. Vermutlich wurden, weil es so schöner wäre, öfter Revolutionen dort gesehen, wo sie gar nicht stattfanden, aber auch der gegenteilige Irrtum ist dokumentiert. Lenin hatte einen Monat vor Ausbruch der Februarrevolution prophezeit: »Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben«. Und Schljapnikow, der führende Bolschewik in Petrograd, sagte noch nach der Ankunft dieser »kommenden Revolution« am 27. Februar 1917: »Wir haben keine Revolution und werden auch so bald keine bekommen. Wir müssen uns auf eine lange Phase der Reaktion einstellen.« Gerade in ihrer Unwahrscheinlichkeit liegt eine erste Gemeinsamkeit der verschiedenen aufständischen Bewegungen, die 2011 begannen. Selbst in Deutschland könnte, diesem allgemeinen Kriterium der Unwahrscheinlichkeit zufolge, eine revolutionäre Bewegung paradoxerweise wahrscheinlich sein.“

  2. „Die Revolutionäre machen nicht die Revolution! Die Revolutionäre sind diejenigen, die wissen, wann die Macht auf der Straße liegt und wann sie sie aufheben können!“ – Hannah Arendt: Macht und Gewalt, S. 111

    Warum eine Revolution wie im Jahre 1917 unwahrscheinlich ist, dazu haben Laclau und Mouffe in „Hegemonie und radikale Demokratie“ ein paar Ideen geäußert.

  3. Pingback: Hi Kids, do you like violence? « in defense of lost causes

  4. Also vielleicht bin ich da etwas klassisch, aber entweder die „massen“ wollen eine Revolution oder es gibt keine.

    „Wenn das Kommunismus sein soll[die Bedürfnisse und Wünsche aller ernst zu nehmen.], dann liegt auf der Hand, dass er nicht herrschaftlich organisiert sein kann, also nicht als ein mit Gewalt durchgesetztes gesellschaftliches Benutzungsverhältnis ist – Benutzung bedeutet nämlich gerade, die Bedürfnisse der Benutzten nicht ernst zu nehmen. Die Einrichtungen und Verkehrsformen einer solchen kommunistischen Gesellschaft existieren also nicht deshalb fort, weil sie mit einem Gewaltapparat durchgesetzt würden, sondern weil ein Großteil der Leute in dieser Gesellschaft ihren Zweck teilt. Auf kooperative Weise wollen sie mit der Tatsache umgehen, dass Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse aufeinander verwiesen sind und einander ausschließende Bedürfnisse durchaus vorkommen können. KommunistInnen sind dementsprechend Leute, die sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, indem sie eine Gesellschaft einrichten (wollen), in der es um die Bedürfnisse aller und damit auch um ihre eigenen geht.
    Für so eine Gesellschaft braucht es eine Menge Leute, die das so haben wollen. Sonst gibt es keinen Kommunismus – so einfach ist das. Allerdings ist umgekehrt, wenn diese Bedingung erfüllt ist, gar nicht ersichtlich, was der Einrichtung einer Gesellschaft, die diese Zwecke tatsächlich verwirklicht, eigentlich prinzipiell entgegenstehen sollte“
    Damit ist die Frage der überwindung der bürgerlichen Gesellschaft aber keinen deut näher zu kommen, weswegen ich den ansatz: “ die Extreme [Theorie und Parxis] durch einander zu vermitteln, so sehr sie einen auch zerreißen mögen“. (http://rostockboulevard.blogsport.de/2012/11/14/154/)
    sehr diskutabel finde.

  5. Weil es auch hier um die Frage der Revolution in postmodernen Zeiten geht, hier ein Ausschmitt meines Kommentars bei Spielwiese:

    Des weiteren noch ein kleiner Einwurf: Ihr alle negiert Auschwitz als endgültigen Zivilisationsbruch (schwierige Formulierung da Auschwitz eben nicht nur ein Bruch mit der Zivilisation darstellt, aber hier trifft es den Kern). Stark verkürzt: Wenn nicht einmal die größte organisierte Arbeiterbewegung die Shoah (für die Marxisten: die negative Aufhebung des Kapitalismus inklusive industrieller Vernichtung des als unwert gebrandmarkten Leben) zum Anlaß nahm endlich die „Revolution“ zu machen, oder wenigstens zu versuchen, dann stellt sich die Frage: Was müsste den noch passieren, dass die Menschen revoltieren?

  6. Was eine Revolution ist, welches Geschehen eine Revolution gewesen ist stellt sich erst im Nachhinein heraus. 😉

    Meist geht es zunächst um etwas ganz unrevolutionäres sehr handgreifliches, dann stellt sich heraus, dass der Staat nichts mehr aufzubieten hat, nicht mehr reagieren kann und in dem Moment wo dies offensichtlich wird und die bisherige Ordnung stürzt beginnt ein Geschehen, von dem man sich im nachhinein einen Begriff macht indem man es „eine Revolution“ nennt.

  7. Der Generalstreik war eine Möglichkeit sich zu solidarisieren, zu zeigen, dass der aktuelle Kapitalismus Fehler hat, die so viele nicht sehen wollen. Man kann kein System kippen, wenn die Menschen nicht wahrhaben wollen, dass es der Mehrheit gegenüber ungerecht ist.

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